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veröffentlicht am Donnerstag, 26.11.2015 08.00 Uhr

St. Galler Tagblatt


Um Bundeszentren zu entlasten, hat der Kanton bei Aufnahmen von Flüchtlingen einzuspringen. Asylbewerber sollen für kurze Zeit in Zivilschutzanlagen untergebracht werden. Unter anderen ist Niederuzwil als Standort vorgesehen.

PHILIPP STUTZ

NIEDERUZWIL. Das Betreten der Zivilschutzanlage weckt – eher unangenehme – Erinnerungen an den Militärdienst. An Nächte unter der Erde. Über hundert Mann auf Liegestellen im selben Raum. Dazu ein Gemisch von Gewehrfett und Schweiss – Gerüche, wie es sie nur im Militär gibt. Diese Anlagen, während des Kalten Krieges geplant und mit grossem finanziellem Aufwand mitten im Siedlungsgebiet zum Schutz der Bevölkerung erstellt, blieben ungenutzt. Ein atomarer Ernstfall ist bisher glücklicherweise ausgeblieben.

Container bleiben

Während dieses Sommers fanden zehn junge Männer aus Afrika kurzfristig in der Zivilschutzanlage beim Feuerwehrdepot Unterkunft. Sie wurden dort vorübergehend einquartiert, weil alle Wohnräume bereits belegt waren. Zwei Container wurden auf dem Marktplatz aufgestellt, um Asylbewerbern einen Aufenthaltsraum und sanitäre Anlagen mit Tageslicht und warmem Wasser zur Verfügung zu stellen. Seit August steht die Anlage wieder leer. Flüchtlinge konnten anderswo untergebracht werden. Doch die Container blieben entgegen der ursprünglichen Absicht stehen.

Altstätten überlastet

Nach Ankunft der Flüchtlinge an der Grenze gelangen Asylbewerber ins Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes (EVZ) in Altstätten. Dort werden sie registriert. Da das Bundeszentrum zwischenzeitlich zu wenig Kapazität aufweist, hat der Kanton eine Bundesaufgabe zu erfüllen, indem er Ankommende für kurze Zeit, bis zur Verfahrensaufnahme, in Zivilschutzanlagen unterbringt.

In kurzer Zeit «hochfahren»

Gemeinden haben im Asylwesen einen Vollzugsauftrag. In Uzwil befindet sich eine von fünf kantonalen Zivilschutzanlagen, die in dritter oder vierter Priorität grössere Zuweisungen zu bewältigen hat. Als weitere Standorte vorgesehen sind Degersheim, Walenstadt, Oberriet und Wittenbach. «Wir müssen bereit sein, die Anlage binnen sechzig Stunden hochzufahren», sagt Thomas Stricker, Verwaltungsleiter der Gemeinde Uzwil. «Diese Vorgabe können wir einhalten», ergänzt Peter Haag, Kommandant der Zivilschutzorganisation Uze. Befehlsausgeber ist der kantonale Führungsstab. Die Kosten für den Aufenthalt, der bis Ende März befristet ist, werden von Bund und Kanton getragen. Zurzeit beschäftigt sich die Gemeinde zusammen mit dem Zivilschutz mit der Organisation. Wie viele Flüchtlinge untergebracht werden müssen, steht noch nicht fest.

Bis zu 150 Asylbewerber

«150 Asylbewerber wären die Obergrenze», betont Peter Haag. Die kombinierte Anlage besteht aus einem Kommando- und Sanitätsposten. «Die Frischluftzufuhr ist gewährleistet», erläutert er. Ein Wassertank, der rund 30 000 Liter fasst, stünde im Notfall zur Verfügung – Brandschutzvorschriften werden eingehalten. Im Falle eines Stromunterbruchs sichert ein Notstromaggregat die Energiezufuhr. Für die technische Sicherheit stehen Anlagewarte während 24 Stunden auf Pikett. Bei kleineren Belegungen könnten Mahlzeiten in der Anlage eingenommen werden, ansonsten müssten oberirdisch weitere Container installiert werden. Die Verpflegung würde angeliefert und von einem einheimischen Restaurant zubereitet.

Flüchtlinge beschäftigen

Betreut würden Flüchtlinge von Angehörigen des Zivilschutzes, die für diese Aufgabe in ihrer Grundausbildung geschult worden sind. «Beabsichtigt ist, Asylbewerber soweit wie möglich mit Aufgaben zu beschäftigen», sagt Haag. Ein Aufenthaltsraum steht zur Verfügung. Auch würden Neuankömmlingen in Englisch Regeln beigebracht, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten haben. Diese Regelwerke wurden durch das EVZ in Altstätten zur Verfügung gestellt.

«Muss Uzwil grössere Zuweisungen von Asylbewerbern übernehmen, haben wir uns darauf vorzubereiten», resümiert Thomas Stricker. Dass es überhaupt soweit kommt, steht noch nicht fest. «Die Situation scheint momentan stabil zu sein», ergänzt Peter Haag.


Vorübergehend im Bunker leben (Donnerstag, 26.11.2015 08.00 Uhr)

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